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Bis wir uns wiedersehen


Es ist 4:00 als ich das erste Mal wach werde und mir nach einem kurzen Tippen das Handydisplay entgegen strahlt. Seufzend lege ich es zurück auf den Boden und kuschle mich wieder in mein warmes Bett. Als ich das nächste Mal aufwache sind fast zwei Stunden vergangen und ich schalte schon vorsorglich den Wecker aus, der in fünf Minuten klingeln wird. Ich bin wach, aber auch unendlich müde. Und während ich mich anziehe, ein wenig Müsli in die Schale kippe und Tee trinke, denke ich an das, was mich heute erwarten wird. Ich muss mich von dir verabschieden. Ich atme tief durch, wasche leise mein Geschirr ab und schleiche zurück in mein Zimmer. Ich habe für dich geschrieben. Da, wo Worte ihren Weg nicht aus meinem Mund heraus finden, fließen sie durch meinen Arm, meine Hand, einen Stift auf Papier und fangen an zu leben. Aber heute werde ich in einer Halle stehen, vor Menschen, die meine Familie sind und Menschen, die ich kaum kenne. Und ich werde meine Zettel auf das Pult legen, die ich den ganzen Tag schon auf und zu gefaltet habe. Noch einmal das Papier glatt streichen. Und dann beginne ich zu reden, über dich, Opa. Der doch nie so viele Worte verloren hat. Während meine Kehle sich anfangs zusammen schnürt, fällt es mir immer leichter zu sprechen, weil es sich so richtig anfühlt all diese Dinge zu sagen. Ich blicke in Gesichter, die nass von Tränen sind und gleichzeitig ein Lächeln tragen.
Ich weiß, dass Worte mächtig sind und, dass sie wichtig sind. Sie können heilen und retten, wüten und zerstören. Aber ich weiß nicht, wie ich mich an einem einzigen Tag für ein ganzen Leben von dir verabschieden soll. hat du dich auch gefragt, was passiert, wenn es vorbei ist? Ich habe so viel darüber nachgedacht und ich kann nicht begreifen, dass... es das gewesen sein soll. In seinem Monolog sagt Hamlet: "Sterben - schlafen - vielleicht auch träumen..." Ich weiß,du bist oft ein grummeliger Pessimist gewesen, aber ich glaube, dass jetzt ein langer schöner Traum dich wartet. Ein tiefer Schlaf. Vielleicht ist es wie bei den kleinen Kindern, die noch kein Gefühl für Zeit und Raum haben. Vielleicht gibt man diese Fähigkeit wieder ab und gleitet ins Träumen.

Was bleibt sind wir. Unsere Erinnerungen. Dein seltenes Lächeln, ein kurzes Aufleuchten in deinen Augen, die meine suchen. Ein weiterer rasselnder Atemzug. Ich beuge mich zu dir herunter, gebe dir noch einen letzten Kuss auf die Wange. Ich habe dich auch lieb, Opa. Bis wir uns wiedersehen.
Der Himmel ist ein seichtes Blau und die Sonne liegt wie ein Lichtkegel hinter Transparentpapier, das langsam reißt.

Von Schwarzen Löchern und Blumenmädchen

Wie schreibt man schön über etwas schreckliches? So oft habe ich angefangen Worte zu tippen, sie mir zu recht zu legen. Kombinationen aus Buchstaben zu finden, die dieses Gefühlsknäuel in mir beschreiben können. Aber es ist als würden sie mir wie Wasser durch die Finger rinnen, sobald ich sie auf meiner Zunge zu schmecken glaube. Fünf Monate und acht Tage sind vergangen, seitdem dein letzter Atemzug die Erde traf und du unendlich wurdest. Seit 152 Tagen trage ich ein Schwarzes Loch in mir.


Eine kleine Definition
Ein Schwarzes Loch ist ein Objekt, das in seiner unmittelbaren Umgebung eine so starke Gravitation erzeugt, dass weder Materie noch Information diese Umgebung verlassen kann. Nach der Allgemeinen Relativitätstheorie verformt eine ausreichend kompakte Masse die Raumzeit so stark, dass sich ein Schwarzes Loch bildet.

Ich habe Wortskizzen auf Papier gezeichnet. Ohne Tinte. Sondern mit rauem Schmerz, der so viel unerschöpflicher ist. Die müden Versuche die schwarze Unendlichkeit mit Worten zu füllen. Weil Worte mächtig sind. Und doch scheitere ich kläglich, weil sie mir wie Wasser durch die Finger rinnen, sobald ich sie auf meiner Zunge zu schmecken glaube. Weil es eine so starke Gravitaion erzeugt, dass selbst die großen Worte zu kleinen unansehlichen Fetzen verblassen bis sie ganz verschwinden. Ein paar von ihnen habe ich heimlich aufgeklaubt und flüsternd liegen sie auf meiner Haut:

Früher habe ich Blumen getragen. In den Haaren, auf dem Kleid, in den Händen. Zarte, geflochtene Freuden aus Leben gewoben. Sanft und zerbrechlich. Adern, die sich wie unsichtbare Muster auf Haut legen. Hauchdünnes Atmen, leises Seufzen.

Ich erinnere mich noch, als ich das letzte Mal in einem Wald war. Es war wichtig, deshalb weiß ich noch ganz genau, wie sich das Licht der Nachmittagssonne seinen Weg durch die dichten Baumkronen gebahnt hat und die ganze Lichtung in Gold tauchte. Warm und sanft. Ich hatte nicht erwartet ein Gefühl von Leichtigkeit an einem Ort wie diesen zu treffen. Da, wo sich Leben und Tod begegnen. Der Geruch von Moos und uralten Bäumen, das leise Knirschen von Mulch und Laub unter meinen Sohlen und dieses Gefühl, als ob das ganze Bild vor mir nur eine trügerische Szenarie wäre. So unwirklich schön. Ungeheuerlich.


Ich muss sieben gewesen sein, als ich das erste Mal eine Rose auf einen Sarg warf. Mit zittrigen Händen, an denen der Schweiß tanzte, fiel sie mir in meiner Unbeholfenheit vor die Füße. Ich spürte die Blicke auf mir wie heiße Steine auf Haut und konzentrierte mich mit aller Macht auf die cremefarbenen Blütenblätter vor mir. Beim nächsten Mal fiel sie tiefer. Ein sanftes Ankommen auf kühlem Holz. Eine Kinderhand voll Sand, der seiner Vorgängerin folgt, ein vorsichtiges Aufschauen auf tränennasse Gesichter und ein leises Zurücktreten.
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Ich war zwanzig, als ich mich feige und dumm hinter Worten versteckte, die größer schienen als sie wirklich waren. Meine sichere Blase wollte ich nicht verlassen, um mich dem Schwarz nicht stellen zu müssen. In meiner Welt hatte ich so viele Dinge zu tun, die in der Wirklichkeit so schnell verblassen. Das nagende Gefühl von Scham sitzt noch immer in meiner Brust.

Vor hundertzweiundfünfzig Tagen hast du dich schlafen gelegt. Den Kopf, von wuscheligem, weichem Haar umrahmt, auf ein Kissen gebettet. Die Augen geschlossen. So stelle ich es mir vor, seit Weihnachten habe ich dich nicht mehr gesehen. Und dann trifft Feuer auf Haut und verwandelt sich in heiße Asche. Ein letztes Zischen. Ruhe.


Früher habe ich Blumen getragen. In den Haaren, auf dem Kleid, in den Händen. Zarte, geflochtene Freuden aus Leben gewoben. Sanft und zerbrechlich. Adern, die sich wie unsichtbare Muster auf Haut legen. Hauchdünnes Atmen, leises Seufzen.

Ich stehe vor dir mit leeren Händen. Du in neuer Form, ich in meiner alten. Und du bist immer noch wunderschön. Brauchst dich nicht mit Blumen schmücken, weil du auch ohne sie strahlst und ich lebe letzte Erinnerungen nochmal. Du hast mal gesagt, dass ich wie eine Elfe wäre. Zart und zerbrechlich. Aber trotzdem stark. Vielleicht bin ich doch dein Blumenmädchen, aber anders als du dachtest. Nicht, um mich schön zu fühlen, sondern um ein kleines bisschen Leben weiter zu geben.

Schlaf gut.