Erwachsenwerden unsere zweite Kindheit - für A


Neulich habe ich abends den Müll runtergebracht. Wir wohnen in einem Mehrfamilienhaus mit einem großen Hof über den man gehen muss, um zu den Mülltonnen zu gelangen. An sich ist die Situation nicht ungewöhnlich, aber trotzdem war irgendetwas anders. Es war relativ warm, die Luft klar. Und ich schaute auf dem Rückweg hoch zu einem Fenster, das hell erleuchtet war. Das Zimmer einer meiner Lieblingsmenschen. Wir kennen uns seit wir vier Jahre alt waren, sind im selben Haus neben- und miteinander aufgewachsen.

Ich ging quer über den Hof zur Schaukel hin, die seit unserem Einzug dort ihren Platz gefunden hat. Ich setzte mich, wirbelte meine Beine in die Luft und meine Gedanken auch. Früher haben wir oft hier unten gespielt. Haben unseren Fahrrädern Zügel gebastelt und Namen gegeben, sind auf ihnen durch unsere Fantasiewelt geritten. Haben mit Zaubersprüchen das Böse besiegt, Häuser für kleine Käfer gebaut, mit Pfeil und Bogen uns Nahrung erbeutet und sind todesmutig über die gefährliche Schlucht zwischen Mattisburg und Borkafeste gesprungen. Wir waren unsere eigenen kleinen Helden in unseren unzähligen Abenteuern.

Darüber dachte ich nach, während ich in der Dunkelheit langsam vor mich hinschaukelte. A ist jetzt nämlich in Australien und lebt ihre Abenteuer dort weiter. Und während ich immer trauriger und melancholischer wurde, weil sie mir so sehr fehlt, wurde mir plötzlich etwas klar. Dass ich mich in einer Schwellensituation befinde. Ich befinde mich zwischen meiner Kindheit und dem Erwachsensein. Befinde mich zwischen altem, vertrautem und neuem, unbekanntem. Das ist eines dieser Dinge, die man immer schon gehört hat und dachte man würde sie verstehen. Erwachsen werden. Darauf hatte ich mich als kleines Kind immer schon gefreut. Theoretisch bin ich das auch schon. Die Zahl meines Geburtsjahres sagt das. Aber eigentlich fühle ich mich noch ein bisschen klein. "Ich will noch nicht erwachsen werden, ich war gerade gewohnt ein Kind zu sein.", sagt auch Julia Engelmann.

Die Sache ist, dass es unausweichlich und immer weiter auf mich zurollt, während ich mich Frage wo zum Teufel ich meine Augen hatte, dass ich das nicht kommen sah. Es ist an der Zeit, dass ich meine eigenen Entcheidungen treffe, aus anderen Fehlern lerne und meinen Weg finde. Oder erstmal anfange zu Suchen. Und das macht mir ein bisschen Angst.

Am selben Abend schrieb ich A eine Nachricht über meine Sorgen und stellte sie mir lachend, mit noch nassen Haaren von den wilden Wellen und Surfbrett unterm Arm vor. Mir ging es besser, als ich zu dem Gedanken kam, dass Erwachsen werden vielleicht unsere zweite Kindheit beudeutet. Nur in einer größeren Welt, mit mehr Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Denn letzendlich ist doch wieder alles neu für uns, wir entdecken und staunen, gehen in die eine Richtung und kehren wieder um, suchen uns einen neuen Weg, haben plötzlich andere Ideen, machen Fehler und lernen daraus oder auch nicht.. Wir sind wie Kinder, neu im Erwachsen sein. Und nur weil wir dann so groß sind, wie wir es früher immer sagten, heißt das ja nicht, dass wir aufhören müssen mit den Schuhe im Laub zu rascheln oder in Pfützen zu springen. Das mache ich weiter und vielleicht strecke ich dabei die Zunge raus.