Thinking: "Ich habe hier so wenig, aber es gibt mir so viel."

Es ist Sonntagmorgen 10:30 und ich liege in einer Hängematte. Lasse meine Seele baumeln und mich. Vor vierundzwanzig Stunden lag ich auch schon hier. Habe den Himmel mit all seinen Sternen betrachtet. Leuchtende Sommersprossen auf blau.

Ich bin ein Stadtkind. Schon immer gewesen. Spielte auf dem behütetem Hof, immer im Blickfeld der elterlichen Augen und mochte es nicht alleine  irgendwohin zu gehen. Misstrauen und die Ansgt, die einem schon so früh eingetrichtert wird, hielten mich ab.  In der Stadt ist alles anonym. Du kennst den Menschen nicht, der als nächstes um die Ecke kommt. Du weißt nicht, was er mag oder was nicht. Ihr sagt nicht "Hallo". Kein Lächeln. Vielleicht ein Blickwechsel dann seht ihr zu Boden. Der Moment ist vorbei und ihr schlagt beide eine andere Richtung ein. Darauf folgen tausend weitere Gesichter, tausend weitere Momente. Stumme, schweigende Stille. Du vergisst die Menschen, denen du ausweichst. Sie vergessen dich. Und ja, manchmal ist das Freiheit.

Ich komme aus einer Großstadt - mittendrin. Umgeben von verschwommenen Menschenmassen, zu vielen Möglichkeiten und Lärm. An jeder Straße, jeder Kreuzung - Reizüberflutung. Jeder Bahn, jedem Bus - ein Körnchen von vielen. Alle nur auf sich selbst bedacht. Manchmal mag ich es darin unterzugehen. In dem Treibsand, der dich nicht loslässt. Bis du versinkst.

Gestern bin ich angekommen. Nicht nur hier, sondern auch wieder bei mir. Ich habe die Großstadt hinter mit gelassen. Den ganzen Lärm und die schweigenden, wegsehenden Menschen. Ich bin mitten in den Bergen und der Treibsand hat mich zwingt mich nicht mehr zu verharren. Ein Haus, zwei Räume und Hänegmatten vor der Tür. Und alles was ich brauche passt in zwei Rucksäcke. Ein paar Klamotten und viele Bücher. Ich habe hier so wenig, aber es gibt mir so viel.

Und es spielt keine Rolle, welcher Tag heute ist oder auf welche Stunde die Uhr zeigt, ich liege in einer Hängematte. Lasse meine Seele baumeln und mich. Vor vierundzwanzig Stunden lag ich auch schon hier. Habe den Himmel mit all seinen Sternen betrachtet. Leuchtende Sommersprossen auf blau.

// Fotos: Marcus Fröhner

Kommentare

  1. Das ist genau das, was ich an meinem Landleben so schätze - ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und könnte mir ein dauerhaftes Leben in der Großstadt kaum vorstellen, mir fehlt dort die Ruhe, die Freiheit. Und dieser Text ist wunderbar, die Sternsommersprossen kommen in mein Notizbuch, in dem ich schöne Wörter sammle - wenn du erlaubst.

    Alles Liebe,
    Deliriumskind

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    1. Das erlaube ich gerne, liebe Marianne!

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über liebe Worte freue ich mich immer,
vielen Dank ♥