Von Schwarzen Löchern und Blumenmädchen

Wie schreibt man schön über etwas schreckliches? So oft habe ich angefangen Worte zu tippen, sie mir zu recht zu legen. Kombinationen aus Buchstaben zu finden, die dieses Gefühlsknäuel in mir beschreiben können. Aber es ist als würden sie mir wie Wasser durch die Finger rinnen, sobald ich sie auf meiner Zunge zu schmecken glaube. Fünf Monate und acht Tage sind vergangen, seitdem dein letzter Atemzug die Erde traf und du unendlich wurdest. Seit 152 Tagen trage ich ein Schwarzes Loch in mir.


Eine kleine Definition
Ein Schwarzes Loch ist ein Objekt, das in seiner unmittelbaren Umgebung eine so starke Gravitation erzeugt, dass weder Materie noch Information diese Umgebung verlassen kann. Nach der Allgemeinen Relativitätstheorie verformt eine ausreichend kompakte Masse die Raumzeit so stark, dass sich ein Schwarzes Loch bildet.

Ich habe Wortskizzen auf Papier gezeichnet. Ohne Tinte. Sondern mit rauem Schmerz, der so viel unerschöpflicher ist. Die müden Versuche die schwarze Unendlichkeit mit Worten zu füllen. Weil Worte mächtig sind. Und doch scheitere ich kläglich, weil sie mir wie Wasser durch die Finger rinnen, sobald ich sie auf meiner Zunge zu schmecken glaube. Weil es eine so starke Gravitaion erzeugt, dass selbst die großen Worte zu kleinen unansehlichen Fetzen verblassen bis sie ganz verschwinden. Ein paar von ihnen habe ich heimlich aufgeklaubt und flüsternd liegen sie auf meiner Haut:

Früher habe ich Blumen getragen. In den Haaren, auf dem Kleid, in den Händen. Zarte, geflochtene Freuden aus Leben gewoben. Sanft und zerbrechlich. Adern, die sich wie unsichtbare Muster auf Haut legen. Hauchdünnes Atmen, leises Seufzen.

Ich erinnere mich noch, als ich das letzte Mal in einem Wald war. Es war wichtig, deshalb weiß ich noch ganz genau, wie sich das Licht der Nachmittagssonne seinen Weg durch die dichten Baumkronen gebahnt hat und die ganze Lichtung in Gold tauchte. Warm und sanft. Ich hatte nicht erwartet ein Gefühl von Leichtigkeit an einem Ort wie diesen zu treffen. Da, wo sich Leben und Tod begegnen. Der Geruch von Moos und uralten Bäumen, das leise Knirschen von Mulch und Laub unter meinen Sohlen und dieses Gefühl, als ob das ganze Bild vor mir nur eine trügerische Szenarie wäre. So unwirklich schön. Ungeheuerlich.


Ich muss sieben gewesen sein, als ich das erste Mal eine Rose auf einen Sarg warf. Mit zittrigen Händen, an denen der Schweiß tanzte, fiel sie mir in meiner Unbeholfenheit vor die Füße. Ich spürte die Blicke auf mir wie heiße Steine auf Haut und konzentrierte mich mit aller Macht auf die cremefarbenen Blütenblätter vor mir. Beim nächsten Mal fiel sie tiefer. Ein sanftes Ankommen auf kühlem Holz. Eine Kinderhand voll Sand, der seiner Vorgängerin folgt, ein vorsichtiges Aufschauen auf tränennasse Gesichter und ein leises Zurücktreten.
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Ich war zwanzig, als ich mich feige und dumm hinter Worten versteckte, die größer schienen als sie wirklich waren. Meine sichere Blase wollte ich nicht verlassen, um mich dem Schwarz nicht stellen zu müssen. In meiner Welt hatte ich so viele Dinge zu tun, die in der Wirklichkeit so schnell verblassen. Das nagende Gefühl von Scham sitzt noch immer in meiner Brust.

Vor hundertzweiundfünfzig Tagen hast du dich schlafen gelegt. Den Kopf, von wuscheligem, weichem Haar umrahmt, auf ein Kissen gebettet. Die Augen geschlossen. So stelle ich es mir vor, seit Weihnachten habe ich dich nicht mehr gesehen. Und dann trifft Feuer auf Haut und verwandelt sich in heiße Asche. Ein letztes Zischen. Ruhe.


Früher habe ich Blumen getragen. In den Haaren, auf dem Kleid, in den Händen. Zarte, geflochtene Freuden aus Leben gewoben. Sanft und zerbrechlich. Adern, die sich wie unsichtbare Muster auf Haut legen. Hauchdünnes Atmen, leises Seufzen.

Ich stehe vor dir mit leeren Händen. Du in neuer Form, ich in meiner alten. Und du bist immer noch wunderschön. Brauchst dich nicht mit Blumen schmücken, weil du auch ohne sie strahlst und ich lebe letzte Erinnerungen nochmal. Du hast mal gesagt, dass ich wie eine Elfe wäre. Zart und zerbrechlich. Aber trotzdem stark. Vielleicht bin ich doch dein Blumenmädchen, aber anders als du dachtest. Nicht, um mich schön zu fühlen, sondern um ein kleines bisschen Leben weiter zu geben.

Schlaf gut.

Kommentare

  1. Ich habe mir diesen Post extra aufgehoben, als ich gestern den Hinweis auf Instagram gesehen habe. Weil ich wusste, es ist wichtig und ich werde Ruhe dafür brauchen und gestern Abend war ich zu müde.
    Ich habe Recht behalten. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Außer, dass mich dieser Text tief berührt hat. Dass es dir gelungen ist, etwas so Schreckliches in wunderschöne Worte zu verpacken. Dass du eine wahre Künstlerin bist.
    Ich wünsche dir und hoffe für dich, dass das schwarze Loch irgendwann kleiner wird. Dass es leichter werden wird, mit dem Verlust umzugehen. Verschwinden wird die Traurigkeit wohl nie ganz, aber irgendwann kann man damit leben.
    "Du hast mal gesagt, dass ich wie eine Elfe wäre. Zart und zerbrechlich. Aber trotzdem stark. Vielleicht bin ich doch dein Blumenmädchen, aber anders als du dachtest. Nicht, um mich schön zu fühlen, sondern um ein kleines bisschen Leben weiter zu geben."
    Das finde ich ein starkes Schlusswort!<
    Danke für diesen Text!

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    1. Ich antworte dir mal gleich hier im selben Kommentarbereich - vielen lieben Dank für deine Worte! Ich habe wirklich lange nach Worten gesucht, die das irgendwie annährend ausdrücken können und es bedeutet mir viel, dass sie dich berühren. Ich glaube, dass das schwarze Loch kleiner wird.. vielleicht von Monat zu Monat, in unregelmäßigen Abständen und vielleicht wird es auch mal wieder größer.. aber es ist wie du sagst, irgendwann kann man hoffentlich damit leben.
      Ich sende dir ganz liebe Grüße!

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  2. Das ist ein wunderbarer Text! Schmerzlich, aber irgendwie auch tröstend.
    Ich danke dir dafür.

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über liebe Worte freue ich mich immer,
vielen Dank ♥